Während ein Bericht Mängel beim Schutz und der Betreuung von Kindern aufzeigt, die von Gewalt in Paarbeziehungen betroffen sind, wurde die Motion Nantermod (19.3597), die darauf abzielt, Elternteile zu bestrafen, die ihren Kindern das Besuchsrecht verweigern, gerade vom Parlament angenommen.
Diese Abstimmung steht im Widerspruch:
- Zur Stellungnahme der GREVIO (Unabhängige Expertengruppe zur Umsetzung der Istanbul-Konvention), die 2022 in ihrem Bericht über die Schweiz „die Schweizer Behörden dazu aufforderte, von einer Gesetzesänderung abzusehen, die das Nichtvorführen eines Kindes und die Behinderung des Besuchsrechts unter Strafe stellen würde“ (S. 57);
- Zu den Stellungnahmen der Verbände vor Ort, der Meinung des Bundesrats und der Kommission, die mit der Bewertung dieser Motion beauftragt war.
- Zu allen wissenschaftlichen Studien zu diesem Thema, die insbesondere auf häusliche Gewalt nach einer Trennung hinweisen, deren Hauptopfer Kinder sind.
- Zur wissenschaftlichen Ungültigkeit des Konzepts des elterlichen Entfremdungssyndroms, und zu seiner Gefährlichkeit für die Opfer und ihres schützenden Elternteils.
Die Herausforderungen im Zusammenhang mit dieser Art von Fragen sowie mit der Frage des Wechselmodells sind entscheidend für einen wirksamen Schutz von Kindern, die Opfer häuslicher Gewalt sind, zu der auch Inzest gehört (siehe hierzu unsere Stellungnahme zum Wechselmodell).
Um die Tragweite solcher politischen Entscheidungen zu verstehen, bedarf es solider wissenschaftlicher Grundlagen sowie praktischer Erfahrungen mit der Struktur und Dynamik innerfamiliärer Gewalt.
Eine fantasierte Ideologie der Familie, aber auch die Pathologisierung schützender Mütter und nun deren Kriminalisierung entspringen derselben Logik, deren Hauptopfer die Kinder sind und für die der Staat verantwortlich ist.
Jedes zehnte Kind ist Opfer von Inzest, jede fünfte Frau ist im Laufe ihres Lebens Opfer körperlicher oder sexualisierter Gewalt. Es ist an der Zeit, sich dessen bewusst zu werden und entsprechend zu handeln.
Dies ist unserer Meinung nach die wichtigste und schwierigste Herausforderung für eine echte Politik der Gleichstellung. Ohne Kinderschutz ist keine Gleichstellung möglich.