Im Zusammenhang mit dem Fall des ehemaligen SVP-Parlamentsabgeordneten aus dem Kanton Aargau veröffentlicht „Stop Inceste“ in seinen sozialen Netzwerken einen Beitrag, in dem die Medien direkt angesprochen werden. Denn sexuelle Gewalt gegen Kinder in der Familie (Inzest), der doch im Mittelpunkt dieses Falls steht, wird in den Presseartikeln und Berichten nie als solcher erwähnt.
Dieses Schweigen ist jedoch typisch für das Thema Inzest, wie im Fall Lyhanna und wie im Fall Pélicot. Dabei hat dieser Mann seine minderjährige Stieftochter im eigenen Zuhause missbraucht. Es handelt sich also um eine inzestuöse Vergewaltigung. Das Fehlen einer Blutsverwandtschaft hebt die Abstammung, die Bindung und den familiären Rahmen nicht auf.
Dorothée Dussy (2013) bezeichnet Inzest übrigens als „Vergewaltigung aus Bequemlichkeit“. Der Täter nutzt eine Person aus, zu der er leichten Zugang hat, die er manipulieren und gegebenenfalls zum Schweigen bringen kann. Durch seinen sozialen und familiären Status profitierte der ehemalige SVP-Grossrat aus dem Kanton Aargau somit vom Vertrauen, der Nähe, der Erreichbarkeit und der Leichtigkeit der Tat.
Der Rückgriff auf chemische Unterwerfung darf weder die Debatte noch die Überlegungen dominieren. Es handelt sich um ein Mittel, das die Tatausführung und das Verbrechen erleichtert. Angesichts der Prävalenzrate ist diese Art von Übergriffen jedoch keineswegs außergewöhnlich. Sie finden fernab von Blicken und Verdächtigungen statt, in einem alltäglichen Umfeld, das für Sicherheit steht: in der Familie, im häuslichen Umfeld, im eigenen Zuhause.
In diesem Fall geht es auch um häusliche und sexuelle Gewalt gegenüber ehemaligen Partnerinnen. Der Zusammenhang zwischen häuslicher Gewalt und Inzest muss sichtbar gemacht und vor allem im Hinblick auf Prävention und Aufdeckung identifiziert werden. So haben Kinder und Jugendliche, die in einem Umfeld häuslicher Gewalt leben, ein sechsmal höheres Risiko, vom Gewalttäter sexuell missbraucht zu werden (Black, Heyman, Smith Slep, 2001). Inzest ist also ein System der Dominanz, das sich ein asymmetrisches Machtverhältnis zunutze macht, und keine sexuelle Abweichung.
Literaturverzeichnis
- Dussy D. (2013) Le berceau des dominations. Anthropologie de l’inceste. Marseille : La Discussion.
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Black, D. A., Heyman, R. E., & Smith Slep, A. M. (2001). Risk factors for child sexual abuse. Aggression and Violent Behavior, 6(2–3), 203–229. doi.org/10.1016/S1359-1789(00)00023-9
